Architekturbetrachtung in Coburg

 

 

Die Villa im Design-Campus der Hochschule Coburg

Auf dem Foto ist zuviel drauf, höre ich einen gestalterisch denkenden Mitmenschen sagen; auf Architekturbetrachtung kann man sich nicht konzentrieren. Vor der Villa-Schauseite stehen unmotiviert Mülltonnen, auf dem Fußweg ein geparktes Auto in Un-Farbe. Es gibt runde, viereckige und dreieckige Formelemente, von Linienführung und Bildgestaltung keine Spur. Trotz allem schön zu sehen sind das Nebeneinander von Industrie und Handwerk, Glas-Stahl-Bau und Backstein, Design und Funktion. Und schließlich drängt sich die Frage nach der Funktion des vergitterten Laufsteges links oben auf.

 

Hahnmühle und Kino

Hier geht es ums Detail. Gemeint ist nicht der Schnee, der wohl von der Architekturbetrachtung ablenkt. Aber feuchtes Wetter spielt eine Rolle: Feuchtigkeit zeigt die Unterschiede im Alterungsprozeß zwischen Naturstein und Beton deutlicher. Der Naturstein „altert in Würde“. Bei der großen Treppe vor dem Kino weiß man nicht, ob sie Ihre Funktion als gestalterisch bestimmendes Element noch erfüllen kann. Neben der Funktion als „Zustieg“, die wohl durch die deutlich sichtbaren Reparaturarbeiten noch erfüllt ist.

 

Pfarrgasse

Pultdächer sind auf historischen Gebäuden nur selten anzutreffen. Auch ist dieses hier besonders steil. Es entsteht die Frage, ob die spitze Form einen Gegensatz zum nebenstehenden neugotischen Pfarramtsgebäude bilden soll. Oder ob der Architekt die spitze Form aufgenommen und harmoniebewußt daneben wiederholt hat. Dieses Formenspiel läßt sich allerdings nur von der Gebäuderückseite betrachten. Die Eingänge befinden sich im Kirchhof und hier hat nur das alte Gebäude Spitzen.

 

Schillerplatz

Man ist versucht, den Fassadenschmuck für aufgeklebt zu halten. Tatsächlich wurde das Gebäude 1841 gebaut, im Schweizerhaus-Stil von Zimmermeister König, vielleicht ein Alpen-Liebhaber. Weil ein echter Balkon aber die Wohnqualität erheblich steigern kann, wurden solche später angebaut (hinter frischgrünem Busch versteckt). Erhalten geblieben ist der bildschöne Gegensatz zwischen historischer (oder historisierender) und moderner Architektur.

 

Jean-Paul-Haus in der Gymnasiumsgasse

Hier prallen die Gegensätze aufeinander, zumal es in diesem Bereich der Altstadt recht eng zugeht. Das linke Gebäude ist Teil des Gymnasiums Casimirianum, rechts wohnte 1802-3 der Dichter Jean Paul. Ursprünge des Hauses gehen auf das 14.Jahrhundert zurück. Auffällig schön sind Material, Proportionen und sparsam angewandter Zierrat. Am schönsten aber ist das Wort Rollwerkscheitelstein, der Name für die Ziersteine über den Bögen.

 

Heiligkreuzstraße

Wohnen mit Stil? Wenn man drin wohnt, bekommt man vom äußeren Stil nicht unbedingt etwas mit. Praktischer, eventuell preiswerter und innen komfortabler sind manchmal moderne Wohnungen. Gegenwärtig läuft im rechten Gebäude ein Projekt zum „Wohnen für Junge Leute“, wofür dieses zunächst mit allerlei buntem Material dekoriert wurde. Der zeitgeistige Gedanke von der Aufmerksamkeit als Währung mag hier eine Rolle spielen. Und vielleicht könnte die temporäre Deko beim Nachdenken über das zukünftige Äußere des Gebäudes helfen.

 

Sparkasse und Hirtenturm

sind zwei vermietete Zweckbauten. Der Hirtenturm basiert tatsächlich auf einem mittelalterlichen Stadtturm, in welchem der Hirt wohnte. Im jetzigen neugotischen Turm residierte der amerikanische Konsul des Herzogtums. Links im Bild offenbart sich ein Gewissenskonflikt des Fotografen: Das rote Sparkassen-S drängt sich kraftvoll in den Blick und zieht diesen nach außen, was meist als wenig harmonisch empfunden wird. Aus bildgestalterischen Gründen könnte man dieses mit elektronischen Werkzeugen entfernen, was aber wiederum den Wahrheitsgehalt des Fotos schmälert. Wir bleiben bei der Wahrheit.

 

Mohrenstraße

Traue nie einem Foto, schon gar nicht im digitalen Zeitalter. Damit ist nicht der Kiosk gemeint, der heute ein anderes Aussehen hat. Das Foto ist einige Jahre alt, obwohl es digital-frisch aussieht. Es geht um die Perspektive, die es für's Auge so nicht gibt. Hier wurde mit guter Absicht montiert. Nur so wird die Prallheit und Formenvielfalt des Leheis-Baus gegenüber dem modernen Bürogebäude augenfällig.

 

Krankenhaus

Das eigentliche Motiv ist die Platane, die vermutlich älter ist als beide Häuser zusammen. Kaum zu glauben, aber Realität, daß sie alle Bauarbeiten, auch die am Parkhaus, auf dem ich stehe, überlebt hat. Und nun wird sie nackt, ohne Laub, fotografiert. Immerhin für einen guten Zweck: wir wollen ja die Häuser sehen. Das schlichte Alte und das mit roten Rohren aufgehübschte Neue. Auch kaum zu glauben, daß dieses bereits wieder alt ist und über einen Neubau an anderer Stelle nachgedacht wird.